Wie zum 4. Oberlausitzer Bienenfachtag versprochen, folgend die Zusammenfassung des Vortrages von Dr. Stephan Scheurer zum Thema Waldtrachtprognose.

Dr. Stephan Scheurer zum Thema Waldhonig.

Grundlagen der Waldtracht - Prognose und Nutzung

 

Tägliche Waagstockzunahmen ab 2000 Gramm versprechen eine gute Tracht. Der Orts- bzw. Standimker sollte aber schon ab 200 Gramm pro Tag alarmiert sein. Bei Kenntnis der Honigtaulieferanten und deren Entwicklung  sind Schlussfolgerungen für die imkerliche Betriebsweise ableitbar. Der Ortsimker weiß zwar durch das Geschehen  am Flugloch, wann die Tracht beginnt, aber ohne Beobachtung und Kenntnis der Lachnidenentwicklung weiß er nicht, ob und wann die Tracht zu Ende geht.

 

Die Vorhersage der Waldtracht benötigt auch der Wanderimker. Er erfährt durch die Prognose und das Aufstellen eines elektronischen Waagstockes im möglichen Anwanderungsgebiet oder natürlich durch den kollegialen  Austausch mit den ansässigen Imkern, ob sich eine Anwanderung lohnt oder nicht. Bei einer Besatzdichte von weniger als 100 Lachniden/m2 auf der Vorjahres- und  Diesjahrestriebfläche der Bäume ist eine Anwanderung wirtschaftlich bedeutungslos.  Die Kenntnis der Biologie und der damit verbundenen Entwicklung von Lecanien und Lachniden sind für eine bessere Nutzung des Honigtaus erforderlich.

 

 

Wie und wovon ernähren sich Lecanien und Lachniden

 

Sowohl die Quirlschildläuse (Lecanien) als auch die Lachniden sind Siebröhrensauger und somit von ihren Wirtspflanzen abhängig. Sie nehmen mit ihrem Saugrüssel Siebröhrensaft auf, der Kohlenhydrate, Aminosäuren, sekundäre Pflanzenstoffe, Vitamine und Spurenelemente enthält. Während des Jahres kommt es zu Schwankungen in der Zusammensetzung des Siebröhrensaftes, denen die Pflanzensauger ausgeliefert sind. Weil diese Pflanzensauger die Wirtpflanzen-Gattung nicht wechseln, reagieren sie auf derartige Veränderungen mit Flügelbildung und nachlassender Vermehrungsquote, sodass die Kolonien zusammenbrechen. Diese Grundkenntnis ist für die Nutzung der Honigtautracht  notwendig. Rindenläuse und Lecanien wechseln in der Regel nicht die Koniferen-Gattung. Sie sind also den Stoffwechselvorgängen, die mit dem Knospenaustrieb, der Verholzung, der Knospenruhe und der Knospenbildung im  Zusammenhang stehen, ausgesetzt und somit den Schwankungen im Aminosäure- und Kohlehydratspiegel ausgeliefert.

 

 

Lecanien – Physokermes – ihre Entwicklung und die Möglichkeiten einer Trachtprognose

 

Auf der Fichte saugen die:

 

Große Fichtenquirlschildlaus – Physokermes piceae                 

 

  • 5 – 8 mm, rötlich, hellbraun  
  • vor allem an Zweigen und Zweiggabeln 3-15 Jahre alter Fichten
  • z.T. auch Tannen

 

...sowie die häufigere:

 

Kleine Fichtenquirlschildlaus - Physokermes hemicryphus

 

  • 3-4 mm groß
  • bevorzugt ältere über 15 Jahre alte Fichten
  • dort in den letztjährigen bis 5-jährigen Quirlen „halbversteckt“ – hemicryphos

 

 

Jahresrhythmus der Lecanien:

 

Beide Arten überwintern als Zweitlarven bis März und April unter den Knospenschuppen (Verzweigungsstellen). Diese Larven entwickeln sich im April (Große Quirlschl.) bzw. im Mai (Kleine Quirschl.) zu reifen Weibchen. Diese legen Eier in dem sich vergrößernden Brutraum. Der Körper der Lecanien wird Mitte Juni bis Mitte Juli zu einer dünnwandigen Brutblase, aus der die jungen Larven (L1) über den Analspalt nach außen dringen. Diese Larven laufen umher, werden vom Wind weiter getragen und suchen im Oktober neue Quirle auf, häuten sich zur L2  und überwintern auch an diesen Stellen.

 

 

Prognose der Lecanien-Honigtautracht:

 

Wenn die Honigtauabgabe der Großen Lecanie langsam versiegt, setzt die Honigtautracht der imkerlich wichtigeren Kleinen Lecanie ein.

 

Durch kontinuierliches Beobachten der Kleinen Lecanie wird beim Feststellen der ersten Tröpfchenbildungen zugleich der Trachtbeginn signalisiert.

 

Wenn bei Trachtbeginn viele Tröpfchen an älteren Quirlen zu sehen sind, ist mit einer guten Tracht zu rechnen, weil dann auch viele Lecanien an den jüngeren Quirlen sitzen.

 

 

Prognose der Lecanien-Honigtau-Tracht durch Auszählen erwachsener Weibchen:

 

Wenn im Mai/Juni in einem 1 km2 großen Gebiet in 3 - 4 unterschiedlichen Bereichen an jeweils 3 - 4 Zweigen  mit mindestens 20 Quirlen mehr als 2 erwachsene Lecanien  je 10 Quirle gefunden werden, lohnt sich eine Anwanderung – dies ist eine kurzfristige Beurteilung der Eignung eines Standortes für die Anwanderung.

 

Daraus leitet sich natürlich noch keine Prognose für das kommende Jahr ab.

 

 

Lachniden – ihre Entwicklung und die Möglichkeiten einer Trachtprognose

 

An der Fichte saugen die:

 

  • Rotbraune Bepuderte Fichtenrindenlaus
  • Graugrün Gescheckte FRL
  • Grüngestreifte FRL
  • Starkbemehlte FRL
  • Große Schwarze FRL

 

Seit dem Jahr 2000 tritt an den verschiedenen Tannenarten und auch in Baumschulen die  in den USA beheimatete Mattschwarze Tannenrindenlaus auf.

 

 

Die Große Braune Kiefernrindenlaus ist regional auch eine gute Honigtaulieferantin.

 

Die einheimischen Rindenläuse überwintern als Wintereier. Diese kleben an den Nadeln, vereinzelt auch an der Rinde der Astunterseiten. Aus ihnen schlüpfen im März/Anfang April die Stammmütter (Fundatrices). Auf diese folgen im Laufe des Jahres noch vier, durch Jungfernzeugung (Parthenogenese) entstandene, Generationen, von denen die letzte aus Männchen und Weibchen besteht, die durch die Ablage der Wintereier den Jahreszyklus beenden.

Nur die Mattschwarze TRL kann sowohl als ungeflügelte Jungfer als auch als Winterei überwintern. Bei ihr treten 6 Generationen während eines Jahres auf.

 

 

Rindenläuse scheiden sehr viel Honigtau ab. Wie kann dieser imkerlich genutzt und prognostiziert werden?

 

 

Gute Honigtautage sind:

 

  • Tage mit Höchsttemperaturen zwischen 20 und 28 °C
  • Tage mit Temperaturdifferenzen zwischen Tag und Nacht von 12 °C und mehr
  • Tage mit Süd-, West- und Nord-West-Winden – Azorenhoch – bei diesen Winden bleibt  der Honigtau flüssig, während er bei Ostwind eintrocknet

 

 

Gute Standorte sind:

 

  • Mittlere Berghänge – der Honigtau trocknet zu unterschiedlichen Zeiten ein, sodass die Honigbiene morgens in die höheren Lagen und später in die tieferen Lagen fliegt, um den Honigtau von den Nadeln aufzunehmen
  • Gebiete in der Nähe von Bächen und der Neigung zur morgendlichen Bodennebelbildung            

 

 

Faustregeln für eine Terminisierung und Nutzung des Honigtaus der Lachniden

 

  • Ein sonniger Herbst des Vorjahres ermöglicht lange optimale Eiablage
  • Eine hohe Zahl an Wintereiern im Winter läßt noch keine Aussage über eine mögliche Tracht zu, denn ein Teil der Eier kann unbefruchtet sein bzw. kann auch noch von Vögeln gefressen werden
  • Beobachter: Umsiedelung von Wintereiern (belegte Zweige) im Februar und März in den Garten (Balkon) o.ä. oder in den Bereich des Wanderplatzes.
  • Im Herbst werden die gut belegten Zweige an den Bäumen (im Wald) markiert (Wollfäden haben sich bewährt) und im zeitigen Frühjahr Stückchen von diesen auf den Beobachtungsbaum vor dem Haus, auf dem Balkon oder am Wanderplatz aufgebunden: Beobachtung des Schlüpfens und Verfolgung der Lachnidenentwicklung! Besonders geeignet sind die an vorjährigen und zweijährigen Trieben haftenden Wintereier der Rotbraunen Gepuderten FRL
  • Zur Beobachtung sind bis zu 5 m hohe Bäume sehr gut geeignet
  • Wenn Ende April/Anfang Mai 5 bis 7 Fundatrices pro m2  (1 m2  = 30cm von Astpitze nach innen ignorieren, dann 3 Meter in die Kultur abschreiten)  Vorjahrestriebfläche im äußeren Astdrittel saugen, ist unter normalen Witterungsbedingungen mit einem guten Lachnidenbesatz zu rechnen
  • Wenn je nach Höhenlage (bis 400 m – Anfang bis Ende Juni | 400 bis 800 m – dritte Junidekade bis Mitte Juli | 800 m und darüber – Mitte Juli bis August) etwa Ende Mai/Anfang Juni bzw. Mitte Juni/Anfang Juli bei Fichte und Kiefer 100 Cinarinen pro m2  Vorjahres- und Maitriebfläche saugen, sind bei günstigen Bedingungen Tageszunahmen von 2000 - 3000 Gramm möglich

 

 

Man kann auch an jeweils 12 Fichten oder Kiefern in drei Bereichen eines 1 km2 großen Standortes auswählen:

 

  • Wenn Ende Mai/ Anfang Juni bzw. Mitte Juni/ Anfang Juli, je nach Höhenlage pro Baum 5 Kolonien gefunden werden, die aus 30 bis 50 Tieren bestehen, ist mit einer Tracht zu rechnen. Dies sollte wöchentlich, am besten aller 3 bis 4 Tage kontrolliert werden.
  • Das größte Honigtauangebot gibt Fichte und Kiefer während der größten Besiedlungsdichte zwischen dem Beginn der Ausbildung der geflügelten V1 und dem Abflug der V2
  • Der Trachtbeginn liegt bei Fichte und Kiefer etwa 1 Woche nach dem Maximum  der V1, wenn also eine Fundatrix etwa 30 - 36 V1 zur Welt brachte. Etwa 5 bis 7 Tage zuvor flogen die ersten geflügelten V1 ab. Zu diesem Zeitpunkt werden die ersten Waagstockzunahmen spürbar.
  • Das Trachtende liegt etwa 7 bis 10 Tage nach dem Sichtbarwerden der Flügelanlagen der V2  der Fichten- und Kiefernlachniden

 

 

Blick in die Zukunft

 

Wir brauchen viele und gute Waldbeobachter in Sachsen, denn konsequente  Beobachtung ist auch durch den Einsatz modernster Technik nicht zu ersetzen. Beobachter können Imker, Förster und Gymnasiasten bzw. Studenten sein.

 

 

Vorschlag:

 

Eine zentrale Beobachtungsstelle sammelt die Angaben des genannten Beobachterpotentials + deren elektronische Waagstockangaben + meteorologische Prognosen aus dem Internet und sendet Waldtracht-Prognosen per E-Mail an „Multiplikatoren“, die diese Informationen an die Imker weitergeben. Diese "Multiplikatoren" können Vereinsvorsitzende, Obmänner oder einfach aktive Imker sein.

 

 

Zusammenarbeit beim Sammeln und Bestimmen

Zusammenarbeit  beim Beobachten

 

 

Der kollegiale Austausch imkerlichen Wissens sollte selbstverständlich sein und ist in diesem Fall enorm wichtig, um die Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte an die "Jungimker" weiterzugeben nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

 

Wenn Sie Ideen und Vorschläge zur Umsetzung eines Waldtracht-Beobachternetzwerks haben oder gerne an einem solchen mitwirken möchten, schreiben Sie uns bitte an.

 

Zur Beantwortung Ihrer Fragen stehen wir gerne zur Verfügung.

 

Ihr

 

Dr. Stephan Scheurer & René Schieback

 

 

 

Literatur zum Thema:

 

Droege, Gisela: Die Honigbiene von A- Z: ein lexikalisches Fachbuch, Deutscher Landwirtschaftsverlag ; Ehrenwirth ; 1993 ISBN 3-331-00640-8

 

Andrea Binazzi, Stephan Scheurer :Atlas of the Honeydew Producing Conifer Aphids of Europe;  ARACNE editrice S.r.l. Roma, 2009, ISBN 978-88-548-2508-6

 

"Grundwissen für Imker, Lehrbuch für die Facharbeiterausbildung"
VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag Berlin 1981, 3. unveränderte Auflage
1988, Abschnitt 4.7. Honigtauerzeuger, Seiten 129 bis 137